Der Block ist unser Stammtisch
Frank Willmann und ich im Gespräch. Das einstige Zentralorgan hat es vervielfältigt. 🙂
Herr Gläser, was hat ein ehrliches Arbeiterkind wie sie bereits in den siebziger Jahren zum damaligen Bonzenclub BFC Dynamo verschlagen?
1977 waren die Trägerbetriebe der verschiedenen Vereine unter uns Zwölfjährigen kein Thema. Als Kind aus der Gleimstraße hatte ich es nur zehn Minuten bis zum Cantian-Stadion. Ganz klar, dass ich mit Klassenkameraden dort hinschlendere. Alles war wunderbar. Als die klassische Frage aufkam, BFC oder Union?, ging es bei vielen Jugendlichen hauptsächlich um die Stimmung hier wie dort. In den Folgejahren fand ich es albern, wenn Menschen, die sonst nicht gegen die DDR-Führung herumzumucken wagten, sich plötzlich gegen den BFC so widerspenstig und aufgeklärt gaben. Bei unserem sportlich erfolgreichen Hauptstadtverein saßen einige Bonzen auf der Tribüne. War das in Moskau, Madrid und London anders? Heutzutage haben einige in Berlin lebende Polit-Zombies einen rot-weißen und blau-weißen Schal im Schrank.
Welche Rolle spielt heute der BFC Dynamo im ostdeutschen Fußballkosmos?
Der BFC darf als Regionalliga-Nordost-Dino gelten. Der moderne Fußball mit seinen Mondpreisen kommt hier nicht wirklich an. Ein Spieler, der permanent positiv auffällt, ist bald weg. Im Sportforum kann man sich weitestgehend frei bewegen. Der Block ist unser Stammtisch.
Was ist anders in der Neuausgabe von Der BFC war schuld am Mauerbau?
Der titelgebende Vierteiler der 2002 erschienenen Ausgabe endete 2001. Jetzt endet der Sechsteiler in der jüngeren Vergangenheit. Langweilig war es beim BFC trotz des Unterklassendaseins nie. Ich veröffentliche alle 25 Jahre mein entsprechend erweitertes Debüt. Ungefähr 2075 wird Der BFC … endlich zehn Teile haben.
Sie sind im Prenzlauer Berg großgeworden, zu DDR-Zeiten ein Arbeiterbezirk mit Außenklo und Ofenheizung. Was war an ihrer Kindheit im PBerg knorke?
Die Auswirkungen vom Krieg waren noch deutlich, ob von den vielen Einschusslöchern in den Fassaden oder den Kriegsinvaliden im Straßenbild. Aber es herrschte sozialer Frieden und es ging langsam voran. Knorke war, dass das Schicksal mir schon vor meiner Entdeckung des BFC weinrote Jacken, Hosen und Turnsachen in den Schrank platzierte. Ich sah der Zukunft optimistisch entgegen, obwohl mir die Haare ins Gesicht fielen.
1989 sind sie nach Westberlin ausgereist?
Ja, ich wäre aber wohl auch von Hannover oder Paderborn nach Westberlin ausgereist. Es war zwar ein gewagter Sprung in eine andere Gesellschaftsordnung, aber für die Westberliner war es normal, dass ich als Ostberliner in ihre Rock´n´Roll City rübergemacht hatte. Ich wollte in der DDR nicht noch einige Jahrzehnte vorgeschrieben bekommen, welche Kultur für meine Charakterbildung geeignet wäre.
Sie werden von Fans als Meister der proletarischen Prosa gefeiert. Wie entstehen ihre Geschichten und was ist ihr Anspruch?
Als alter Fanzine-Schreiberling sind die Texte oft recht persönlich. Sie sollten vom Humor und der Authentizität getragen werden. Das gelingt, wenn man jeweils das Maß findet.
Der BFC trägt seine Heimspiele im Sportforum Höhenschönhausen aus. Was erwartet dort den Neuköllner Hipster bei seinem ersten Besuch?
Vor dem Sportforum warten einige Geschäftsinhaber, um ihre Lockerungsbiere an die Hipster und Hopper zu verkaufen. Sich extra in einen augenscheinlich Weinroten zu verzaubern, ist nicht notwendig.
Welcher Schlager passt zum BFC?
Udo Jürgens – Immer wieder geht die Sonne auf. Rammstein – Herzeleid.
Wie ist ihr Blick auf die blauweiße Hertha und den rotweißen 1. FC Union?
Ich gehe jede Saison zwei, dreimal ins Olympiastadion. Geht´s der Hertha gut, geht´s Berlin gut. Also alles eher mäßig. Was die Rivalität zu den Köpenickern betrifft, damit will ich mich nicht mehr beschäftigen. Alle Kraft in den Kampf um das Sportforum zu stecken, darum geht es.
