Als wir „Eisenfuß“ gedachten
In der endlich herausgekommenen Nummer 5 des BFC-Zines Der Pionier findet sich eine neue Folge meiner Kolumne „Opa erzählt vom Sieg“. Darin geht es um den Serienmeister aus Hohenschönhausen, Lok Leipzig, Lutz Eigendorf … Könnt ihr im Anschluss lesen. An eine Rezi zu „Der BFC war schuld …“ haben die Jungs der Banda Invicta sich nicht rangetraut, aber immerhin einen Beitrag zur Buchvorstellung am 3. Juni für die Nachwelt fabriziert und versprochen, eine Besprechnung nachzuliefert. Es läuft, langsam aber stetig. Sehr schön, dass die tapferen Hannoveraner Herren vom Zeitspiel mein Werk abfeiern, zumal das Magazin nur alle paar Monate erscheint und sich zwischen den Ausgaben immer ein furchtbarer Berg an Fußballbüchern ansammeln dürfte, den zumindest ich nicht checken wollen würde. Die Rezi gibt es auch auf Facebook. Danke Frank. Seit heute findet sich auch ein großartiger Beitrag eines guten Bekannten und immernoch Verbündeten aus der Schweiz im Netz. Ich grüße und danke Daniel vielmals! Und wenn es im dritten Anlauf klappt, und das wird es natürlich, fabrizieren Nick aus dem Saarland und ich in den kommenden Tagen eine Folge für den Hörfehler-Podcast. Toll. Und sonst? Im Bötzowbuch-Laden, in der Bötzowstraße 27 in Prenzlauer Berg, gibt es mein Werk mit Kritzelselbstportrait und Signatur.
Als wir „Eisenfuß“ gedachten
Opas unter sich, Willy und ich. Wir sitzen vor der schönen Fußballkneipe Libero, in der Karl-Lade-Straße in Lichtenberg, nahe Hohenschönhausen. Bestes Nicki-Wetter. Wir trinken Kaffee und Schorle. Die Sonne knallt, Bier muss jetzt nicht sein. Willy grüßt viele Leute, sie grüßen ihn. Unsere Plauderei über die Achtziger wird oft unterbrochen. Sitze ich mit dem heimlichen Bezirksbürgermeister am Tisch? Er meint, er wohne hier schon ewig. Nun ja. BFC gegen Lok Leipzig, das war doch immer fett, oder? Erzähl mal! Sportlich agierten beide Vereine auf einer Ebene. Krawalltechnisch war es auch immer brisant. Wenn die Gästeanhänger per S-Bahn auf der Schönhauser Allee einfielen, lief es nicht wie sonst. Die Messemännchen zeigten sich nicht schüchtern. Sie erschreckten auf der Magistrale auch das fußballferne Volk, welches seine Einkäufe erledigte und nichts vom krassen Termin im Sportpark an der Mauer wusste. Willy erzählt, er hätte mit seinen Leuten die Lokis empfangen und zurück auf dem S-Bahnhof jagen wollen, doch die kamen prinzipiell entgegen, und da ging es für seine Leute dann und wann schlecht aus. Ok, sowas wie Unentschieden oder Siege gab es auch.
Willy kommt aber schnell auf die Gegenwart zu sprechen, er hängt im Gegensatz zu vielen von uns nicht zu sehr in der Vergangenheit. Das kann er als langjähriger Nachwuchstrainer der U 16 II auch nicht. Einer seiner Söhne spielte seit jeher beim BFC, elf lange Jahre. Da es bei unserem Verein keine U18-Mannschaft gibt, wechselt er nach langem Zögern zu Eintracht Mahlsdorf. Für die U 17 zu alt, für die Männer zu jung. Da denkt so manch langjährige Nachwuchshoffnung des BFC an das generelle Aufhören. Keine U 18 beim ehemaligen Dauermeister, diese Leerstelle ärgert Willy ungemein und den Grund dafür konnte ihn bisher niemand plausibel erklären.
Wie er damals die Spiele gegen Lok Leipzig erlebt hätte, will ich wissen. Vor allem das im März 1983, dem ersten Heimspiel nach dem plötzlichen Tod von Lutz Eigendorf, genannt „Eisenfuß“, dem einstigen BFC-Spieler, der immerhin sechsmal für die Nationalmannschaft der DDR auflief. Nachdem er im März ´79 beim 10:0 über Sachsenring Zwickau sein letztes Tor für den angehenden Meister erzielte, blieb er nach einem „Internationalen Vergleich“ beim 1. FC Kaiserslautern. Nach der dafür üblichen einjährigen Zwangspause seitens der UEFA spielte er für die Pfälzer und wechselte knapp drei Jahre später zu Eintracht Braunschweig. Über die genauen Umstände wird rund um jedem Todestag in den Medien schwadroniert, jeweils ohne neue Erkenntnisse. Jedenfalls gab es im März 1983 nach der Hiobsbotschaft um Lutz das Spiel gegen Lok, und währenddessen plötzlich einige Fans, die am Zaun ein Banner anbrachten: „Wir trauern um Eisenfuß“. Welch brisante politische Solidarisierung mit einem Republikflüchtling! Sogar mit einem von Erich Mielkes Lieblingsspielern. Es heißt, Stimmungskanone Lutz habe auf einigen Dynamo-Feiern zur Akustik-Gitarre gegriffen und so einige Spieler und Funktionäre unterhalten. Der Minister soll diesen eigensinnigen Vereins- und Staatswechsel sehr persönlich genommen haben. Vor allem Lutz´ Auftritte im Westfernsehen waren für Erich totale Alptraumminuten. Ich frage Willy, wie sie das Banner reingeschleust hätten? Ganz normal mit reingenommen, sagt er. Die Ordner hätten eher selten wirklich kontrolliert. Ich denke, es war trotzdem keine Situation, in der man auf das Glück vertrauen möchte. Das Banner wurde im Laufe des Spiels an den Zaun angebracht und hing wohl einige Minuten schräg gegenüber der Ministertribüne, bis die Funkgeräte zu glühen anfingen und die oftmals vereinzelten Staatsbediensteten mit und ohne Uniform von verschiedenen Seiten angerockt kamen. Die über diese politische Aktion bis dato uninformierten Fans verteidigten das Banner, und zwar jeder nach seinen Möglichkeiten. Es half ja schon, wenn man einem Bullen kurz im Wege stand oder im Gedränge ein Bein stellte. Das Banner verschwand in der Menge. Nach Willys, und später auch Lennons, Erinnerung, gab es keinerlei Festnahmen. Es wird vermutet, dass sich im Gewühl einige ranghöhere Stasis befunden hätten, die möglicherweise angeordnet hätten, diese Fußballrevolte nicht zum großen Politikum machen zu wollen. Sportlich befand sich der zu jener Zeit vierfache Meister seit dem 8. Spieltag auf Platz 1. Am 17. Spieltag wurde der FC Lokomotive vor 14.000 Zuschauern mit 2:1 geschlagen. Nach dem Rückstand zur Halbzeitpause trafen Rainer Troppa und Frank Rohde für den BFC. Die Duelle gegen die Tabellennachbarn waren durchaus spannend, auch wenn die Schlusstabelle anderes vermuten lässt. Am Ende verbuchte der BFC 12 Punkte vor dem Vizemeister FC Vorwärts Frankfurt/Oder. Es folgten Jena und Lok. Was für Zeiten!
Ob im Jahn-Sportpark jemals wieder ein Stadion stehen wird, in dem der BFC sich Hausherr nennen darf? Willy plädiert für den Ausbau unseres Stadions im Sportforum Hohenschönhausen, oder wenn dort nichts möglich sein soll, für ein Stadion in der Buschallee. Das Gelände dort sei noch halbwegs unsere Gegend und man könne sich baulich noch frei entfalten. Dass das Mommsenstadion gar nicht ginge, sah man neulich beim Berliner Landespokalfinale. Bloß nicht!
Und wie war das damals gegen Lok nach dem Spiel? Um 1983 gab es doch diese fast schon traditionellen Begleiterscheinungen. Die Auswärtsfans aus Rostock, Halle und sonst woher fuhren mit der S-Bahn zum Ostbahnhof, um dort dem Fernzug zuzusteigen. Die BFC- Fans folgten eine S-Bahn später. In der Mitropa kam es regelmäßig zum Aufeinandertreffen. Das war gegen Lok nicht anders, oder? Er gibt mir recht. Lok war eine harte Nummer. Die haben sich immer gestellt. Nun gut, so ungefähr wird es gewesen sein. Wir ordern uns jeweils eine sonnige Schorle. Willy zeigt lachend auf die kleine Kreuzung, einige Meter von uns entfernt. Da uff de Straße hab ick och schon jelegen, als die Ordnungshüter mich aus de Wohnung jeholt haben.
