Der Schusterjunge hat unter uns Sozialromantikern einen duften Ruf, der sich auch darauf begründet, dass er zu Ur-Zeiten ein rotes Sturmlokal gewesen sein soll, im Gegensatz zum braunen Pendant auf der anderen Straßenseite, dem Hackepeter, den es schon lange nicht mehr gibt, denn Frau Merkel hat solche Umtriebe beseitigt.
Der Schusterjunge ist seit cirka neun Jahren das Stammlokal der Jungs & Mädels vom Kantinenlesen. Jeden Sonnabend geht es nach der Show in diese Kneipe, auf ´ne Molle und ´n Schnitzel. Klingt so als ob man das an jeder Kreuzung bekommt. Ist aber nicht so, denn oft muss man sich zwischen dem simplen Suff oder dem schnöseligen Essen entscheiden. Urig essen und trinken fällt in Berlin weitestgehend aus. Deshalb fanden wir vor ungefähr zwei Jahren die mehrmonatige Schließung wegen der Reko ziemlich doof. Als vor cirka einem Jahr das Chef-Paar in Rente ging, ahnten wir weiteres Unheil. Mit deren spröden Charme wusste man umzugehen. Am besten war, man ging gar nicht mit ihnen um. Soll heißen: nachdem ich dort über die Jahre schon 66 Hirsche gegessen hatte und zur Wirtin immer brav “Sie” und “Danke” und und und gesagt hatte, wagte ich es, sie nach ihrem Namen zu fragen. Wie man das so macht, im Hackepeter und im Schusterjungen. “Monika, oder wie du heißt, wie heißt du eigentlich?” Sie kuckte mich an, als ob ich ihr in den Schritt gefasst hätte. Tja, ich war nur ein Schriftstellerschwein. “Bitte … danke … riecht hier so scharf … auf Wiedersehen.”
Seit einigen Jahren steht der Schusterjunge wohl in jedem Reiseführer. Die Kulturmetropolenhüpfer aller Herren Länder bevölkern das Lokal. Erstaunlich, wenn man dort einen der letzten Ureinwohner noch nach 20 Uhr sieht. Die offene Schriftstellerstammtischrunde findet demnächst wohl in der Osteria statt. Am Ostersonnabend bin ich dabei. Ei, Ei.
P.S.: Für die eigene Vita ist es natürlich besser, man verabschiedet sich mit einem Skandal, aber Frau Merkel ist dagegen.