Nachgereicht, mein Text zum 10jährigen:
Vor dem Kantinenlesen gab es die Hammershow. Toller Name, dufte Sache, hat aber kaum einer bemerkt. Die Hammershow war noch kein Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen, sondern eher ein Betriebsausflug der Chaussee der Enthusiasten, damals im Frühjahr 2000. Unsere Chaussee gab es höchsten ein halbes Jahr, wir traten in der Friedrichshainer Tagung auf, beziehungsweise im Keller dieser Kneipe. Dan hatte den kürzesten Weg zum Auftrittsort, er sollte auch mal den weitesten haben, deshalb suchten wir im Prenzlauer Berg eine Kneipe und fanden sie am Helmholzplatz, wo wir von der Bühne aus auch mal die Sonne sahen. Das Konzept unserer Best-Of-Sause bestand daraus, alte Texte vorzulesen. Der Name rührte wohl daher, weil ich dreimal hintereinander Hammershow gesagt hatte. Hammershow passte auch zum Namen der Kneipe, die hieß Jenseits von Gut und Böse. Das Jenseits war immerhin das authentischste Lokal am Helmholzplatz, es versprühte noch den Charme vom Eiscafe Spiegel, dass wohl bis ´97 oder ´98 dort existiert hatte. Im Vorraum vom Jenseits gab es nun eine Theke, das war eine gute Neuerung, und im hinteren Raum konnte man nach wie vor herum lümmeln. Das Jenseits wurde von einem Vater-Sohn-Gespann geführt, man erkannte ihre familiäre Bindung schon an ihren Tamara-Danz-mäßigen Frisuren. Voll blondiert und elektrisiert. Alter Blues-Adel mit Punk-Nachwuchs. Aber das Jenseits lief nicht so toll, vielleicht hätten sie nebenbei Eis verkaufen sollen. Drei Sorten für je 20 Pfennig. Dann hätte die Spielplatzbevölkerung genug Klimpergeld dort gelassen. Das Vater-Sohn-Gespann hatte immerhin einen Draht zu einigen Trinkern der Urbevölkerung. Die fanden unsere Anwesenheit auch gut, aber sie erzählten sich während der Lesung lieber ihre eigenen Anekdötchen vorne an der Theke. Unsere erste Show war gut besucht, weil sich zur ersten Show leichter viele Verwandte und Bekannte herbei zitieren lassen. Aber der Wahrheit kommt man während der zweiten und dritten Show näher. Nein, die Bude haben uns die Leute nicht eingerannt. „Neue Lesebühne“ klang wohl wie „alter Schreibzirkel“. Unsere Werbung war auch Asche. Auf den Flyern und Plakaten stand „No Sex please.“ Deshalb war es in der Kastanienallee, wo schnarchige Schauspielstudenten fremde Ficky-Fucky-Storys vorlasen, meistens rappelvoll, während unsere schlüpfrigen Eigenproduktionen immer weniger Zuspruch fanden, zumindest am Helmholzplatz. Auf dem Spielplatz tobte das Leben, selbst im gegenüberliegenden Studentencafe, dass von Jochen ganz treffend als Schlafzimmer betitelt wurde, war mehr los. Nach drei oder vier Ausgaben der Hammershow stellten wir das Best-Of-Wiederkäuen ein. Offiziell wohl, weil uns das Jenseits zu klein wurde. Dabei wurde uns im Friedrichshain die Tagung zu klein. Naja, Künstlerlogik. Der Sommer mit der Fußball-EM stand bevor. Uns schwante, dass auf der Jenseits-Bühne mehr Leute wären als davor. Nein. Der Helmholzplatz hatte seine Chance nicht genutzt. Bald darauf sollte es auf dem Gelände der Kulturbrauerei losgehen. Aber Hammershow war ein blöder Name, der musste weg. Kantinenlesen klang für mich zwar nach Jenseits von Gut und Böse, aber der Name passte wohl zu Reformbühne Heim und Welt und Keller Buntes. Mit der Erfindung vom Kantinenlesen wurde aufgerüstet, was den Autorenstamm betraf. Nun waren nicht nur die fünf, sechs Leute der Chaussee der Enthusiasten gefordert, sondern die Autoren aller Berliner Lesebühnen. Es war jedes Mal eine Wundertütenveranstaltung. Man wusste kaum, mit wem man auf der Bühne sitzen würde, ob Publikum käme und ob man Lust auf den Abend hätte. Insgesamt ging es bergab. Monat für Monat. Nach einem Jahr übernahm Dan das Ruder, zum Glück. Es ging bergauf. Dan sei Dank.