Ich mache mir verschärft einen Kopf, welche drei neuen Geschichten ich kommenden Sonnabend beim Kantinenlesen vorlese, wo ich als spezieller Special unter den großen Garanten nicht so negativ auffallen darf. Habe aufgrund eines Artikels in der vorletzten zitty-Ausgabe einige Zeilen verfasst, die nebenbei verraten auch im nächsten Eis-Dynamo erscheinen werden. Toll. Ein bisschen doof ist, dass sich mein Geständnis zu meinem Betragen als Elfjähriger aus technischen Gründen doch nicht im aktuellen Pankerknacker findet. Jedenfalls habe ich für die Kantine zwei von drei Texten, hier ist einer:
Sehr geehrter Spielhallenbetreiber. Ich finde nicht, dass deine Filialen einladend aussehen und zum Geld wegschmeißen verführen. Es wird gesagt, man könne kaum an deine Läden vorbei gehen, wenn durch die geöffneten Eingangstüren deine Musik zur Straße hinaus klingt. Als Spielsüchtiger könne man sich da nicht zurück halten, man wird regelrecht verführt. Also ich spaziere gelangweilt weiter. Deine Kling-Klang-Musik ist schlimmer als die im Vereinsheim im Sportforum Hohenschönhausen. Das Blinky-Blinky in deinen Schaufenstern erinnert mich an den Mief aus dem letzten Jahrhundert. Lachende Mondgesichter und hüpfende Münzen. Lass doch mal die Sonne rein, durch die Scheiben. Deine Werbung verspricht Spiel und Spaß und lustige Gewinne, aber das scheint mir geflunkert, wenn nicht sogar blanker Zynismus. Deine Kunden sehen nicht wie Gewinner aus, zumindest nicht die, die ich durch den Haupteingang huschen sehe. Sei ehrlich, Spielhallenbetreiber, du geht’s zum Feierabend mit ´nem gut gefüllten Klimpergeldkoffer durch den Seiteneingang raus, dann über den Hinterhof, über die Mauer auf dem Nachbarhof, das ganze ein halbes Dutzend mal, und nach zehn sportlichen Minuten, schlenderst du auf der anderen Seite des Gründerzeithauses durch eine Tür, so als ob nix wäre, fünfmal in der Woche. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass statt der drei Sonnen oft genug ein Stinkefinger kommt. Da kann ich keinen Ehrgeiz entwickeln, will ich auch nicht. Weil, wenn ich deine Käsekästchenautomaten begreifen will, muss ich die ja gleich studieren. Nee, lass mal. Ich sehe ja, wie deine Gäste zur Türe rauskommen. Gesund und schuldenfrei sehen die nicht aus. Aber okay, ich gebe es zu: Ich war ungefähr dreimal ´ne halbe Stunde in einer Spielhalle, und zwar in der Wendesaison 89/90, weil zwei Freunde von mir drauf und dran waren, einen deiner Kollegen bluten zu lassen. Der Micha war so ´n Technikfreak, aber nur ´n Kleiner. Der redete seinem Bruder und mir ein, er könne mit seinem zusammen gebastelten Gerät die Automaten abhören, wie sie rauschen und klackern, und wann sie das Geld ausspucken. Denn wenn vorher genug rein geschmissen wurde, würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass der Automat drei gleiche Symbole zeigt. Micha wollte dem Automaten auch noch ´n Impuls geben. Sein Bruder und ich waren seine Leibgarde. Wir würden die Spielhöllen Schönebergs ausrauben, sagte er. Aber es fiel schon auf, wenn wir zu dritt hinein kamen, so Digedag-mäßig. Man muss in so ´n Laden heimlich und solo reinhuschen. Kragen hoch, Mütze ins Gesicht. Drinnen steht man am Automaten, voll konzentriert und fast alleine. Wie bei ´nem Puff-Besuch. Aber das wussten die Brüder und ich bis dahin noch nicht, weil wir in den Puff auch so Polonaise-mäßig rein gegangen sind. Und nicht nur zu dritt, sondern doppelt so zahlenstark. Frauen hatten wir auch einige dabei. Da dachten die Westler sicher, oh je, diese Zonies, die sind noch unbefangen, aber schon geschäftsschädigend. Jedenfalls haben wir uns in der Spielhölle ziemlich auffällig vor dem Automaten gedrängt. Micha hat in untypischen Körperhaltung mit seinem kleinen Gerät am fremden Großen rum gemacht. Wir haben nix verdient, nur verloren. Bei mir waren es dreimal 1 Mark 50 für ´ne Büchse Bier. Ich war über unseren Rausschmiss nicht unglücklich, denn so beschränkte sich die Langeweile meiner Wendesaison nur auf dreimal 15 Minuten. Nee, dieses Herumhocken vorm Automaten, war voll öde. Und wie die anderen Typen vor den Geräten aussahen, also Glücksspiel ist eher so ´ne Einsiedlerbeschäftigung. Musst du zugeben, Spielhöllenbetreiber, voll die Unterklasse. Die meisten Leute, die von und vor deinen Automaten abhängen, sehen auch eher so aus, als ob sie gerne Hüttchenspieler wären, aber nicht wissen, wie sie den Einstieg in deren Szene schaffen sollen. Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Vielleicht über eine Liebesaffäre an der ungarisch-slowakischen Grenze. Also, Spielbudenmafiosi, ich gebe dir ´n paar Tipps: Spiel mal bessere Musik und renoviere deinen Laden. Musst doch langsam im Jahre 2010 ankommen und dich auf 2011, 12 13 vorbereiten. Die zugeklebten Schaufenster mit den Lichterketten, die gehen überhaupt nicht. Ich will reingucken, ob da meine verschollenen Brüder sitzen und Spaß haben. Musst einen charmanten Türsteher vor den Eingang platzieren. Und ´n paar Mädchen organisieren, die dauernd lachend rein- und rausgehen und die Passanten so nett anlügen.