Archive for Juli, 2010

So was wie Fernsehen

Montag, Juli 5th, 2010

Mein ND-Artikel zum Volksbühnentheaterstück Johnny Chicago.

WM-freier Abend, ab in die Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz, zu „Johnny Chicago“. Die Titelfigur wird von Alex Bojcan gespielt, besser bekannt als Kurt Krömer. Das Stück wurde von Jakob Hein geschrieben, Jochen A. Freydank führte die Regie. Wie er alles unter einen Hut bekäme, wurde Hein gefragt, seine Tätigkeit als Arzt, die Familie, die Literatur und nun auch noch das Theater. Er gestand, überall zu pfuschen. Hein spielt den Moderator Kai Kacke. Dass er mitmachen darf, sei der Preis gewesen. Nette Koketterie, denn Hein moderierte nebenan, im Roten Salon, so einige Veranstaltungen der Neuen Gesellschaft für Literatur; er moderiert auch oft die Abende seines Prosazirkels, der Reformbühne Heim und Welt. Mit „Johnny Chicago“ läuft in der Volksbühne wieder mal ein Stück, das man versteht, wenn nicht sogar ein Stück für Kinder, die länger aufbleiben dürfen. Prima. Der schwungvolle Schwank orientiert sich am Schema der Talkshows. Mitunter musiziert eine vierköpfige Combo instrumentalen Schlagerpop, eine Blondine, die zum Hausensemble gehörende Inka Löwenberg, stöckelt als freundliche Bettina umher. Sie darf mal was sagen, muss oft ein Glas Wasser bringen. Kai Kacke befragt Johnny Chicago nach den Kapriolen seines 10.000jährigen Lebens. Er habe sie doch alle getroffen: Jesus und Hitler. Ja, natürlich. Aber weil Chicago schon so oft über die Neandertaler und Genossen erzählen musste, langweilen ihn diese Fragen, er möchte vor allem seine neue CD vorstellen und ein Lied singen. Der schmierige Moderator im lila Anzug will nur kurze knackige Antworten. Es gibt einige Rückblenden in Chicagos 10.000er. Vorhang zur Seite, freie Sicht auf eine Steinzeitrepublik. Johnny kollidiert mit einem Auto, worauf ihn Krankenschwester Bettina aufpäppelt und nach seinem Alter befragt. Und weil er nicht gestorben ist, lebt er weiter, immer weiter. Johnny könne sich das auch nicht erklären, ist aber so. Er wollte sich im Mittelalter auf dem Markt eine Flasche Arsen kaufen, aber es war nur Wasser. Damals gab es kein Internet, man hatte eben zueinander Vertrauen. Johnny trifft Jesus im Lazarett, aber nicht den von der Menschheit gefürchteten großen Täfelmuck. Johnny schwadroniert, er wolle Schriftsteller sein, denn das wäre eine gesellschaftlich anerkannte Form des Selbstmordes. In den „Werbepausen“ flüstert Kai Kacke seiner Bettina, das Johnnys Anzug nach 20.000 Jahren rieche. Die Beteiligten sind übertrieben freundlich, wenn sie auf Sendung sind, und dazwischen fast außer Rand und Band. Geradlinige Unterhaltung, keine wiedergekäute Medienkritik. Glück gehabt, finden die Zuschauer, bis auf diejenigen, die die Volksbühne verlassen. Kai und Johnny kritisieren mit großem Geschrei, auf dem Lokus sitzend und einander bei ihren bürgerlichen Namen nennend, dass sie in dieser Schmierenkomödie unmögliche Rollen abgäben. Bettina kommt mehr und mehr ins Spiel, reißt den beiden die Perücken von den Köpfen und faltet die Chauvinisten etwas zusammen. Der eine oder andere Akteur purzelt in die Publikumsreihen. Auf Kais Kanal sitzen Hitler und sein Friseur in der zweiten Reihe. Johnny will endlich sein Lied singen dürfen, sonst bringt er Kai um, denn was soll ´s, der Mord wäre in 2.000 Jahren sowieso verjährt. Volkstheater für Leute, die nicht so oft ins Theater gehen, also für die Mehrheit. Prima, wenn im Theater so was wie Fernsehen läuft. Die WM gucken wir ja auch nicht nur im Wohnzimmer.

Kommentare

Sonntag, Juli 4th, 2010

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Tschuldigung, weil die Kommentare hier als eingegangen angezeigt werden, aber nicht zu sehen sind. Mein Web-Weber macht sich einen Kopf, wenn er die 4:0-Feierlichkeiten beendet hat :-)

Patientenverfügung

Freitag, Juli 2nd, 2010

Vor wenigen Tagen gab es eine kleine Revolution, die passive Sterbehilfe gilt nunmehr nicht als strafbar. Die Angehörigen eines Patienten dürfen dessen mutmaßlichen letzten Willen betonen, ohne Gefahr zu laufen, sich im nachhinein auf der Anklagebank wieder zu finden. Bisher mussten die Ärzte ohne die notwendige Verfügung des Patienten alle lebenserhaltenen Maßnahmen ausschöpfen, auch gegen den Willen der Angehörigen, die das Leid lieber beendet sehen wollten. Es sollen inzwischen zwar schon relativ viele Menschen eine Patientenverfügung für sich abgegeben haben, doch dürfte das die eher Jüngeren betreffen, nicht unbedingt die Älteren, um die es vorerst geht. Ohne Patientenverfügung kann man als Angehöriger zwar den mutmaßlichen Willen des Patienten betonen, doch wenn der Arzt der Meinung ist, dass die Überlebenschancen gegeben sind, zum Beispiel mit einer Magensonde, gerät man schnell in einen Gewissenskonflikt. Wer will in einer solchen Situation gegen das Ärzte-Team agieren und einem gerichtlichen Streit entgegen sehen? Jetzt beim Hausarzt die eigene Patientenverfügung zu erstellen, ist nur unwesentlich aufwendiger als ein Testament zu schreiben, aber es erspart weiteren Stress, den man dann ohnehin zur Genüge hat.

Ich kam mit einigen Generationsgenossen auch auf das Thema Seniorenheime. Wir stellten fest, unsere Mütter wollen am heimischen Herd bleiben, egal ob sie das noch drauf haben. Bloß kein fahrbarer Mittagstisch und ähnliche Gängeleien, immerhin hätten sie den Krieg überlebt. Wir dagegen … Warmes Essen pünktlich vor der Wohnungstür? Prima. Und wenn wir für unsere lieben Alten ein Seniorenheim besichtigen, stellen wir fest, dass das eigentlich was von unserer letzten Pauschalurlaubsunterkunft hat, schon das Foyer mit den Palmen, Wellensittichen und Goldfischen. Ja, in zwanzig Jahren werden die Heimplätze noch knapper. Nur mal so. Passt auf eure Muttis auf.